Kunst & Achtsamkeit

KUNST & ACHTSAMKEIT – MINDFULNESS & ART

In der modernen buddhistischen Literatur findet sich recht wenig über einen neuen, westlichen oder gar buddhistischen Kunstbegriff, obwohl seit Marcel Duchamps Speichenrad, Malewitschs Schwarzes Quadrat und den Fettecken von Josef Beuys dieser eigentlich zum Greifen nahe ist.

Beuys-1972Das Kunstverständnis vieler Buddhisten im Westen orientiert sich nach wie vor an den Werken des historischen Buddhismus und seiner symbolischen, gegenständlichen Ikonografie. Kunst wird hier als Kunsthandwerk begriffen, welches im Dienste der buddhistischen Lehre rituelle Gegenstände oder Abbildungen für Klöster, Tempel oder die häusliche Praxis herstellt.
Eine individuelle inhaltliche Interpreation, welche in der modernen Kunst oft Ausgangspunkt des Schaffens ist, wird im traditionellen Sinne nur in einem genau definierten religiösen oder politischen Rahmen akzeptiert, der Künstler als Person bleibt im Hintergrund.

Dem zufolge erscheinen in buddhistischen Zeitschriften oft Artikel, die Künstler vorstellen, welche ebenfalls diesen traditionellen Kunstbegriff vertreten. Dabei hat der Begriff Kunst mehr zu bieten als das, was das traditionelle Kunsthandwerk auszufüllen vermag. Kunst, hat sich im Laufe der letzten Jahrhunderte zu einer religions- und politik-unabhängigen Disziplin entwickelt. Die Ausdrucksformen der Kunst bewegen sich heute im figürlichen sowie abstrakten Formalen, der Symbolik sowie dem rein Konzeptionellen, vom gegenständlichen Werk bis zur Performance und der Kunst als Prozess, die erst durch die Interaktion Künstler – Betrachter entstehen und wachsen kann.

marcel duchamp-1913Spätestens seit Duchamp, Malewitsch und dem Wirken des Künstlers Josef Beuys, deren revolutionäre erweiterten Kunstbegriffe die Welt der Kunst vollkommen veränderten, hat sich der traditionelle Kunstbegriff gewandelt. Feuilletonisten sagten damals voraus, dass es nach Beuys keine “Kunst” mehr geben könne.  Sie haben offensichtlich nicht mit der Eitelkeit und Ausdauer des Kapitals gerechnet, der Tanz um das Goldene Kalb ist noch lange nicht zuende.
Und so darf man sich heute fragen, ob der Kunstzirkus überhaupt noch etwas mit Kunst zu tun hat oder ob es sich hier eher um ein Börsenspiel mit narzistischem Charakter handelt, bei dem die Helden je nach Geschick und Zeitgeist auf den Olymp gehoben werden. Vom Fußvolk wird dann nur noch erwartet, diese erfurchtsvoll aufgrund der gigantischen Verkaufszahlen zu huldigen oder davon zu träumen einmal selbst dort oben zu stehen.

Nun, was macht das Malen eines Bildes oder das Komponieren eines Musikstückes zu einem  Akt künstlerischen Schaffens und warum wird ein Akt der Liebe, ein Sitzen in Meditation oder ein tiefes Gespräch mit Freunden nicht als solches bezeichnet?
Ganz einfach, Kunst im kapitalistischen Sinne ist das, was in der Galerie, im Museum hängt und steht oder auf der Börse und Auktion zum Kauf angeboten wird.

buddhaproportion_fsWas aber könnte Kunst im gesellschaftlichen und buddhistischen Sinne heute sein, wenn wir es einmal von der materialistischen Vereinnahmung loslösen?
Nehmen wir das Angebot einer Begegnung mit der Kunstauffassung von Josef Beuys an, zeigt sich schnell, welche erweiterten Dimensionen künstlerischen Schaffens uns zu Füssen liegen. Danach ist Kreativität nicht nur ursprüngliche Kraft der Kunst oder des Künstlers, sondern ein Potenzial, welches jedem Menschen zur Verfügung steht. Kreativität ist daher ein kultureller Wert, mit dem der Entwicklungsstand einer Gesellschaft definiert werden könnte.
Wenn der Zivilisationsgrad (entwickelt, unterentwickelt) einer heutigen Industriegesellschaft über das Bruttosozialprodukt bestimmt wird, sagt dies eher etwas über das Konsumverhalten der Bevölkerung aus. Warum gibt es nicht das Kreativsozialprodukt als Maßstab für den Entwicklungsgrad einer humanen Gesellschaft?

KREATIVITÄT als ein humanes Kapital einer Gesellschaft. In diesem Sinne erhält der Begriff Kunst auch wieder eine gesellschaftlich relevante Bedeutung. So ist auch das oft verwendete Zitat von Beuys zu sehen, wenn er sagt: “ Jeder Mensch ist ein Künstler“. Insofern, als das jeder Mensch durch sein kreatives Potential an dieser Gesellschaft mitwirken kann, unabhängig davon, ob er in einem kreativen Beruf, einer Dienstleistung, im Handwerk oder in der Produktion arbeitet. Er ist als ein „Erschaffender“, zu sehen, ein gestaltendes Mitglied der gesellschaflichen und kulturellen Entwicklung und somit gleichwertig wie der Künstler und die Kunst.

Erfreulicherweise beihalten die buddhistischen Lehren ein weiteres elementares humanes Kapital, in buddhistischer Terminologie auch – ACHTSAMKEIT –  genannt. Die Möglichkeit der Achtsamkeitsentwicklung ist ebenfalls jedem fühlenden Menschen gegeben und richtet sich nicht nach Geschlecht, Beruf oder gesellschaftlicher Stellung.
Durch jahrhundertlange Erforschung der menschlichen Psyche und des dualistischen Denkens, ist es den buddhistischen Gelehrten (… und anderen Gelehrten) gelungen, Methoden und Praktiken zu entwickeln, die unsere konditionierte Wahrnehmung durch ein Achtsamkeits-Training zum Erwachen geleiten können. In diesem erwachten Zustand wird die Entwicklung von Mitgefühl und die Reduzierung des Leidens unserer Mitmenschen wieder zur Grundlage einer humanen Gesellschaft.

Der Erschaffungsprozess aller Phänomene aus der LEERHEIT heraus, die Überwindung der ANHAFTUNG an konditioniertes Verhalten, sowie die Entwicklung von INTUITION sind weitere buddhistische Lehrinhalte. Erstaunlicher- und verbindenderweise sind dies ebenfalls die elementaren Grundlagen einer kreativen und künstlerischen Arbeit.

Kunst (kreatives Erschaffen im erweiterten Sinne) & Achtsamkeit können somit als zwei wesentliche humane Entwicklungspotenziale bezeichnet werden, welches eine offene Kommunikation zwischen moderner Kunst und Buddhismus überaus sinnvoll und wünschenswert macht.

 


 

Zitate „Kunst & Achtsamkeit“

„Jeder Mensch ist ein Träger von Fähigkeiten, ein sich selbst bestimmendes Wesen, der Souverän schlechthin in unserer Zeit. Er ist ein Künstler, ob er nun bei der Müllabfuhr ist, Krankenpfleger, Arzt, Ingenieur oder Landwirt. Da wo er seine Fähigkeiten entfaltet, ist er Künstler. Ich sage nicht, dass dies bei der Malerei eher zur Kunst führt als beim Maschinenbau.“
(Josef Beuys)
Every man is a medium of skills, a being that is self determined, the sovereign himself. He is an artist, he may be a garbage collector, hospital nurse, physician, engineer or farmer. Wherever he unfolds his skills, he is an artist. I do not say, that it would be more likely that life leads to art by painting than by engineering.
(Josef Beuys)

„Die Kunst selbst ermöglicht erst das Leben. Der Mensch ist erst dann wirklich lebendig, wenn er versteht, dass er eine künstlerisches Wesen ist. Selbst die Handlung eine Kartoffel zu schälen kann eine künstlerisches Werk sein, wenn es es eine bewusster Vorgang ist.“
(Josef Beuys)
Art alone makes life possible. Man is only truly alive when she/he realizes that she/he is an artistic being. Even the act of peeling a potatoe can be a work of art if it is a concious act.
(Josef Beuys)

„Die meiste Zeit wird damit vergeudet, festzuhalten, was man längst verloren hat.“
(Pablo Picasso)

„Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen.“
(Johann Wolfgang von Goethe)

„Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“
(Paul Klee)

„Trenne dich nie von deinen Illusionen und Träumen. Wenn sie verschwunden sind, wirst du weiterexistieren, aber aufgehört haben zu leben.“
(Mark Twain)

„Die Wirklichkeit ist nur ein Teil des Möglichen.“
(Friedrich Dürrenmatt)

„Beurteile einen Tag nicht danach, welche Ernte du am Abend eingefahren hast, sondern danach, welche Saat du gesät hast.“
(Robert Louis Stevenson)

„Um Meisterschaft in der Kunst zu erlangen, wird einem das technische Wissen nicht viel nutzen. Man muss die Grenzen der Technik überwinden, so dass Kunst eine “Kunst ohne Kunst” wird.
(D.T. Suzuki, Zen Master)
To be a master of art, technical knowledge is not enough. One has to transcend technique so that art becomes “artless art”.
(D.T. Suzuki, Zen Master)

Jedes fühlende Wesen ist ein Buddha.
(Teachings of the Buddha)
Every sentient being is a Buddha.
(Teachings of the Buddha)

Die Lehre gleicht einem Floß,
das man benutzt, um über einen Fluß ans andere Ufer überzusetzen,
das man aber zurücklässt und nicht mehr mit sich herumschleppt,
wenn es seinen Zweck erfüllt hat.
(Gautama Buddha)